
Vollformatkameras liefern heute eine sehr hohe Bildqualität und sind für viele fotografische Anwendungen vollkommen ausreichend. In der professionellen Architekturfotografie gelten jedoch teilweise andere Anforderungen als beispielsweise in Reportage-, Porträt- oder Eventfotografie.
Wenn Gebäude für Wettbewerbe, Veröffentlichungen, große Drucke oder langfristige Dokumentationen fotografiert werden, spielen Auflösung, Perspektivkontrolle, Detailtreue und Reserven in der Nachbearbeitung eine deutlich größere Rolle.
Deshalb arbeite ich in der Architekturfotografie bewusst mit Mittelformat.
Der Sensor einer Mittelformatkamera ist deutlich größer als ein klassischer Vollformatsensor. Dadurch steht mehr Fläche zur Erfassung von Licht und Bildinformationen zur Verfügung. Das allein erzeugt noch kein besseres Bild – eröffnet aber technische Möglichkeiten. Dazu zählen insbesondere höhere Detailauflösung, größere Reserven in Lichtern und Schatten sowie eine sehr differenzierte Wiedergabe feiner Strukturen und Materialien.
Gerade Architektur profitiert davon: Fassaden, Naturstein, Sichtbeton, Metalloberflächen oder Innenräume mit feinen Helligkeitsabstufungen wirken präziser und ruhiger.
Oft wird angenommen, dass eine hochauflösende Vollformatkamera automatisch das gleiche Ergebnis liefert wie Mittelformat. In der Praxis entscheidet jedoch nicht nur die Pixelzahl.
Ein Bild entsteht aus dem Zusammenspiel von Sensor, Objektiv, Bildkreis, Mikrokontrast und der tatsächlichen Auflösung bis in die Bildecken.
Gerade bei Architektur werden häufig große Bildbereiche bis zum Rand genutzt. Deshalb ist nicht nur wichtig, wie viele Pixel vorhanden sind – sondern wie sauber diese tatsächlich mit Bildinformationen versorgt werden.
Hier zeigt sich der größte Unterschied.
In der Architekturfotografie müssen Gebäude häufig mit geraden Linien dargestellt werden. Wird die Kamera nach oben geneigt, entstehen stürzende Linien. Die technisch saubere Lösung ist die Shift-Funktion: Die Kamera bleibt gerade, während der Bildausschnitt optisch verschoben wird.
Viele Aufnahmen werden stattdessen später digital entzerrt. Das funktioniert – bedeutet aber immer, dass Bildbereiche gestreckt, beschnitten und neu berechnet werden.
Besonders bei großen Drucken oder hochauflösenden Dateien entstehen dadurch Nachteile:
Eine optische Korrektur direkt bei der Aufnahme liefert deshalb grundsätzlich die höhere technische Qualität.
Tilt-&-Shift-Objektive wurden über viele Jahre vor allem für 35-mm-Vollformat entwickelt.
Mit Kameras um 20–50 Megapixel funktionieren viele dieser Objektive hervorragend. Mit modernen 100-Megapixel-Mittelformatsensoren steigen die Anforderungen jedoch deutlich.
In meiner praktischen Arbeit zeigte sich, dass klassische Vollformat-Shift-Objektive zwar adaptierbar sind, die Auflösung und Schärfeleistung aber nicht immer bis in die Ecken dem Niveau moderner Mittelformat-Objektive entsprechen. Deshalb nutze ich heute Objektive, die speziell für den größeren Bildkreis und die hohe Sensorauflösung gerechnet wurden.
Nein.
Mit Vollformat lassen sich hervorragende Architekturaufnahmen erstellen und viele professionelle Fotografen arbeiten erfolgreich damit.
Wenn jedoch maximale technische Qualität, große Druckformate, exakte Perspektiven und höchste Detailtreue gefordert sind, bietet Mittelformat – insbesondere in Kombination mit echter Shift-Technik – zusätzliche Reserven.
Für meine Arbeitsweise bedeutet das vor allem eines: möglichst viel Qualität bereits bei der Aufnahme zu erzeugen und möglichst wenig später korrigieren zu müssen.
